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Wenn Schreckliches passiert…

Wir alle kennen es. Wir fahren Auto, ein Unfall ist passiert, und es gibt einen Stau. Nicht wirklich, weil der Unfall im Weg wäre, sondern weil die Gaffer es sich mal wieder nicht verkneifen können zu tun, was Gaffer eben so tun – möglichst langsam an der Unfallstelle vorbeifahren und sich den Hals verdrehen, um genau zu sehen, was da passiert ist. Warum tun wir das? Woher kommt diese Vorliebe für Schreckliches? Warum schalten wir so gerne ein, wenn es mal wieder Schreckensmeldungen zu hören oder zu sehen gibt? Ist das vielleicht eine leicht perverse Ader, die wir da alle im Stillen pflegen? Ich kann Sie beruhigen, im Normalfall hat es nichts mit Perversität zu tun. Im Gegenteil, es ist eine recht natürliche bzw. gesunde Reaktion „einzuschalten“ wenn es was Schreckliches gibt. Aber warum?

Aus psychologischer Sicht gibt es mehrere Gründe. Zum einen gibt es uns die Möglichkeit starke Gefühle zu produzieren und zu zeigen. Adrenalin wird produziert, es fühlt sich aufregend an und macht lebendig, während wir uns gleichzeitig in Sicherheit fühlen, denn unser Verstand kann erkennen, ob es sich um eine echte Gefahr handelt oder nicht. Auch produzieren wir empathische Gefühle für die Opfer. Das verbindet und fühlt sich gut an, während wir gleichzeitig, meist im Stillen, auch erlöst sind, dass wir nicht von dem Unglück betroffen sind – eine An- und Entspannung in Folge.

Ein sehr ureigener Grund, warum wir uns so für Schreckensmeldungen interessieren ist jedoch evolutionär bedingt. Wir konnten nur überleben und somit Gene weitertragen und uns entwickeln, weil wir bestimmte Situationen und Bedingungen überlebt haben. Dazu war es wichtig, unser Umfeld zu scannen und Gefahren frühzeitig zu erkennen. Wir sind also hardwired auf Gefahr und Schreckliches und instinktiv bemerken wir eher Negatives als Positives, denn Positives ist ja meist nicht gefährlich. Das macht viel Sinn, wenn man darauf angewiesen ist den damals sehr realen Säbelzahntiger zu erspähen. Wir konnten rechtzeitig flüchten (rennen=Abbau von Adrenalin=Entspannung) und uns in Sicherheit bringen.

In unserer heutigen Zeit haben sich die unmittelbaren alltäglichen Gefahren für Leib und Leben wesentlich reduziert. Andererseits sind wir dank der weit verbreiteten Medien und einem 24/7 Zugang zu Information einer flächendeckenden Bombardierung von Schreckensmeldungen aus aller Welt ausgesetzt. Wir hören, sehen, fühlen, regen uns auf, haben aber keinen echten Grund zu rennen (oder zu kämpfen), denn meistens betrifft es uns ja nicht. Da geht die Balance schnell verloren und Stress ist die Folge. Sich jeden Tag über Nachrichten zu ereifern, die außerhalb unserer Beeinflussung stehen und uns nicht imminent betreffen, ist auf die Dauer eher schädlich. Was tun?

Einfachste Lösung: weniger aufnehmen, also bewusst die Medien ausblenden, wenn es um Negatives geht, speziell, wenn es sich um Dinge handelt, die außerhalb unserer Kontrolle sind. Sich auch immer mal wieder auf die schönen Dinge im Leben konzentrieren. Das darf man, es ist nicht verwerflich, sich wohl zu fühlen und positive Gefühle anzustreben. Besonders Menschen, die unter Schlafstörungen leiden, sollten alles, was aufregend wirkt circa eine Stunde vor dem zu Bett gehen ausschalten, damit Körper und Geist runterfahren können und sich auf die Nachtruhe einstellen.

Jetzt höre ich den einen oder anderen sagen, aber das geht doch nicht, man kann doch nicht den Kopf in den Sand stecken und alles ist „Friede, Freude, Eierkuchen“. Ich denke, sich vor unnützem Stress zu schützen ist nicht dasselbe wie den Kopf in den Sand stecken, aber das ist eine Diskussion für ein andermal. Für solche soviel als Anregung: versuchen Sie ein gesundes Maß zu finden. Fragen Sie sich immer mal wieder, muss ich wirklich täglich wissen, wer wann wo welches Schicksal erlitten hat? Ist es sinnvoll für mich? Was macht es mit mir? Nutzt mir die Information? Hat es eine Folge für mich oder andere (in meiner Umgebung) es zu erfahren? Und wenn die Information für Sie und Ihre Umgebung relevant ist, dann können Sie, anstatt hilflos den Neuigkeiten und Ihren Gefühlen ausgeliefert zu sein, in die Handlung gehen. Was gibt es für Schicksale oder Schreckliches in meiner näheren Umgebung? Was kann ich tun, um Abhilfe zu schaffen und es besser für mich und andere machen?

Das wäre also auch eine Lösung; seinen Medienkonsum einschränken und sich auf Dinge beschränken, wo ich in die Handlung gehen kann. Dann bin ich nicht mehr machtlos. Anstatt mich durch Rennen oder Kämpfen abzureagieren, was wir ja heute nur noch selten müssen, um zu überleben, gehe ich in die proaktive Handlung und verkehre den Schrecken in Gutes. Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen!